Ich gebe es zu, ich habe das Thema unterschätzt. Tortillas, diese seltsamen runden Dinger mit ihrem Geschmack zwischen Sägemehl und Pappkarton, mit ihrer undefinierbaren Konsistenz haben für mich immer schon zu den großen Mysterien Mexikos gehört. Aber jetzt ist hier alles in Alarmstimmung, die Medien kennen kaum ein anderes Thema mehr, Radio Formato 21 weckt mich jeden Tag mit den neuesten Horrormeldungen, und Präsident Calderón hat seine erste schwierige Herausforderung anzunehmen: der Preis steigt, und zwar unaufhaltsam. Im Supermarkt meines Misstrauens hing seit eh und je das gedruckte Preisschild: 1 kg/6,90 Pesos. Irgendwann vor ein paar Wochen wurde es gegen einen 7,90er-Hinweis ausgetauscht, aber seit gut einer Woche ist der Teufel los: Die Preise steigen ins Unermessliche, jüngste - handgeschriebene Notierung: 12 Pesos. Auch der Tacoladen an der Ecke hat die Preise angepasst, und sogar in der bürgerlichen Gastronomie haben sich Änderungen ergeben: In der runden Bastdose fand ich kürzlich nur noch drei statt der üblichen fünf Fladen vor.
Mir könnte es ja recht egal sein, wie sich der Preis entwickelt, denn ich mag Tortillas ohnehin nicht wirklich. Genauer gesagt: Maistortillas. Tortillas aus Weizenmehl gibt es zwar auch, aber man erntet bei Einheimischen für derartige Präferenzen häufig nur Kopfschütteln. Mais muss es sein, wegen des Geschmacks - und des Gefühls. Die runden Kalorienspender dienen auch als Besteckersatz. Und das geht so: Tortilla in die Hand nehmen, in die restlichen Bestandteile hineingrapschen, und lustvoll zubeissen. Wirkt erstmal etwas ungewohnt, aber selbst Anzugträger beim Businesslunch pflegen derartige Manieren.
Wie es enden wird, keine Ahnung. Inzwischen werden staatliche Interventionen erwogen, und demnächst machen wahrscheinlich die Streitkräfte mobil....
[ Leben ]
by mexico
@ 06.09.2006 05:29 CEST
Wer als Neuankömmling nach Mexiko-Stadt kommt, wird von den schon anwesenden Landsleuten routinemäßig mit einem ganzen Bündel an guten Ratschlägen begrüßt. So weit, so gut. Die Tipps erstrecken sich hier allerdings weniger auf das angesagteste Restaurant, die schicke Galerie um die Ecke oder das üppige Kulturangebot. Was man hier viel eher um die Ohren bekommt sind Warnungen aller Art. Bloß keinen Salat essen, auf gar keinen Fall mit grünen Taxis fahren, Obst vom Händler an der Ecke, ja um Gottes Willen! Das irritiert natürlich, und erst Stück für Stück muss man für sich selbst erfahren, wie es denn um die Qualität der Ratschläge bestellt ist. Wovon ganz allgemein abgeraten wird, ist das U-Bahn-Fahren. Gut, manche Mahner mahnen einfach pauschal und gestehen im nächsten Halbsatz, dass sie aufgrund von früheren Warnungen bisher selbst noch nie Metro in Mexiko gefahren sind. Auch durchaus seriöse Reiseführer machen mit ihren Beschreibungen zunächst stutzig.
Das Wochenende scheint ein günstiger Zeitpunkt, die Probe auf's Exempel zu machen. Der erste Schritt ist immer der schwerste, und vorbei an einigen obskuren Gestalten - allerdings auch nicht nerviger als der Berliner Durchschnittspunk - geht es hinab in die Tiefe. Auf dem ersten Zwischenabsatz befindet sich der Fahrkartenschalter, Automaten gibt es nicht, Arbeitskraft ist schließlich billig hier. Eine Einzelfahrkarte kosten 2 Pesos, gerade einmal 15 Cent, ein fairer Preis also. Man kann beliebig viele Karten auf einmal kaufen, Rabatt gibt es allerdings nicht. Das Ambiente unter Tage ist nicht gerade kuschelig, aber auch nicht wesentlich anders als in Berlin, London oder Paris. Dank guter Farbmarkierungen fällt die Orientierung leicht, man sollte sich nur vorher genau überlegt haben, wohin man möchte und wo man am besten umsteigt. Ansagen am Bahnsteig oder im Zug - Fehlanzeige. Die Taktzeiten sind sehr kurz, so dass man nirgends länger als ein paar Minuten warten muss.
Die anderen Fahrgäste sehen locker und entspannt aus, so dass auch meine anfängliche Skepsis allmählich weicht. Aufgelockert wird die Fahrt durch die permanent ein- und aussteigenden Händler, fast nach jedem Halt wird eine neue Ware angepriesen. Meistens werden schwarz gebrannte CDs angeboten, und um die Vorzüge richtig zur Schau zu stellen, werden die beliebtesten Tracks auf dem mitgebrachten Geräten gleich angespielt. Man bekommt auch gleich einen Eindruck über den aktuellen Musikgeschmack hierzulande. Groß angesagt derzeit: Alejandro Sanz, aber auch jedes Klischee erfüllende Folklore wird gerne genommen.
Nach gut 30 Minuten und zweimal umsteigen kehre ich in Coyoacán wieder ans Tageslicht zurück. Viele neue Eindrücke gewonnen, ein Vorurteil kräftig abgemildert, das kann man durchaus als gelungenes Experiment werten. Es gibt noch viel zu entdecken in dieser Riesenstadt!
[ Leben ]
by mexico
@ 08.08.2006 05:18 CEST
Nun ist also die Zeit gekommen, ich bin in Mexiko, und es fühlt sich noch sehr irreal an. Der Abschied von Berlin war sehr emotional, denn ich hinterlasse dort nicht nur ein Umfeld, in dem ich mich sehr wohl fühle, sondern für mindestens einige Wochen auch meine Simone. Ich wohne hier noch im Hotel, so dass das wahre Umzugsfeeling noch nicht eingesetzt hat. Heute sind nun meine Kisten mit dem unbegleiteten Luftgepäck angekommen, auch ein Fahrrad ist dabei, viele vertraute Gegenstände, die aber die Heimat noch nicht ersetzen können. Leider ist einer meiner Koffer bislang unauffindbar, aber ich gebe die Hoffnung noch nicht ganz auf. Letztlich dürfte aber im Fall des Falles aber die Versicherung einspringen.
Die Ankunft in Mexiko-Stadt war aber auch die Rückkehr in ein bekanntes Umfeld. Noch bin ich nicht groß aus dem Stadtteil Polanco hinaus gekommen, und so wirkt das eher wie eine luxuriöse Kleinstadt. Auf der Avenida Reforma haben sich die Anhänger des linksgerichteten Präsidentschaftskandidaten Lopez Obrador häuslich eingerichtet. Damit wollen sie gegen die Ihrer Meinung nach irreguläre Wahl von Anfang Juli demonstrieren. Das städtische Leben ist dadurch wie gelähmt, und der Straßenverkehr rollt durch die Nebenwege. Und auch mein erstes wirkliches Ziel in Mexiko-Stadt ist gefährdet. Die Avenida Reforma ist Streckenbestandteil des "Gran Salon de la Fama", eines 15km Laufwettbewerbs, der am 20. August geplant ist und bei dem ich eigentlich mitmachen will. Wenn ich das Beharrungsvermögen der Demonstanten allerdings richtig deute, kann nur eine andere Streckenführung die Veranstaltung retten....
Ich bleibe optimistisch!
Viele Grüsse an alle, Robert