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Die Tortilla-Krise

Ich gebe es zu, ich habe das Thema unterschätzt. Tortillas, diese seltsamen runden Dinger mit ihrem Geschmack zwischen Sägemehl und Pappkarton, mit ihrer undefinierbaren Konsistenz haben für mich  immer schon zu den großen Mysterien Mexikos gehört. Aber jetzt ist hier alles in  Alarmstimmung, die Medien kennen kaum ein anderes Thema mehr, Radio Formato 21 weckt mich jeden Tag mit den neuesten Horrormeldungen, und Präsident Calderón hat seine erste schwierige Herausforderung anzunehmen: der Preis steigt, und zwar unaufhaltsam. Im Supermarkt meines Misstrauens hing seit eh und je das gedruckte Preisschild: 1 kg/6,90 Pesos. Irgendwann  vor ein paar Wochen wurde es gegen einen 7,90er-Hinweis ausgetauscht, aber seit gut einer Woche ist der Teufel los: Die Preise steigen ins Unermessliche, jüngste - handgeschriebene Notierung: 12 Pesos. Auch der Tacoladen an der Ecke hat die Preise angepasst, und sogar in der bürgerlichen Gastronomie haben sich Änderungen ergeben: In der runden Bastdose fand ich kürzlich nur noch drei statt der üblichen fünf Fladen vor.
Mir könnte es ja recht egal sein, wie sich der Preis entwickelt, denn ich mag Tortillas ohnehin nicht wirklich. Genauer gesagt: Maistortillas. Tortillas aus Weizenmehl gibt es zwar auch, aber man erntet bei Einheimischen für derartige Präferenzen häufig nur Kopfschütteln. Mais muss es sein, wegen des Geschmacks - und des Gefühls. Die runden Kalorienspender dienen auch als Besteckersatz. Und das geht so: Tortilla in die Hand nehmen, in die restlichen Bestandteile hineingrapschen, und lustvoll zubeissen. Wirkt erstmal etwas ungewohnt, aber selbst Anzugträger beim Businesslunch pflegen derartige Manieren.
Wie es enden wird, keine Ahnung. Inzwischen werden staatliche Interventionen erwogen, und demnächst machen wahrscheinlich die Streitkräfte mobil....
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